Analyse: Im Café

 

Der Expressionismus war von Anfang an eine modernistisch-avantgardistische Großstadtkunst, und so wollten sich die jungen Künstler auch keinen Lebensreformern wie dem ,Wandervogel’, Nacktkulturlern und ähnlichen Gruppierungen, die um die Jahrhundertwende Stadtflucht betrieben, anschließen. Als Intellektuelle wollten sie in Cafés herumsitzen, Varietes besuchen und sich hier der künstlerischen Avantgarde anschließen[203]. Ohne das Ambiente der Künstlercafés[204] ist die Bewegung also nicht denkbar. Es hat die Lyrik thematisch und auch stilistisch geprägt.

Cafe Josty 1931Romanisches Café 1928

Die Berliner Cafés bilden einen wichtigen Treffpunkt für Literaten, Künstler und Intellektuelle. Zu den bedeutendsten gehören das ‚Café Josty’ am Potsdamer Platz, das ‚Romanische Café’[205] gegenüber der Gedächniskirche und das ‚Café des Westens’, auch ‚Café Größenwahn’[206] genannt, das sich am Kurfürstendamm befand. Ab 1907 gehörten die Frühexpressionisten um Kurt Hiller zu den Stammgästen des ,Größenwahn’. Das folgende Zitat des Malers Edmund Edels aus der von ihm selbst verfassten Jubiläumsschrift „20 Jahre Café des Westens“ aus dem Jahre 1913 verschafft einen kleinen Eindruck des Caféhaustreibens:

Anzeige zum 20jährigen JubiläumWieso gerade das kleine Café der Hauptsitz des Geistes geworden ist, kann kein Geschichtsschreiber ergründen. Eines Tages war es offenbar Tatsache, daß nur hier im großen Berlin sich der Geist und die Seele in den nötigen Schwung bringen lassen können. Es war, als wenn die Marmortische mit süßem Leim bestrichen wären. Das kleine Café wurde berühmt nicht nur wegen seiner guten Wiener Küche, seines vorzüglich gepflegten Pilsners, als auch wegen seines Größenwahns. Nicht des Besitzers, sondern der Besucher. Allmählich überzogen Scharen von Geisteshelden aller Fakultäten das Kaffeehaus, saßen und lagerten an den Marmortischen am hellichten Tage und in tiefdunkler Nacht, und wenn es hochkam, hatten sie eine Zeche von 55 Pfennig gemacht. Aber sie saßen an den Marmortischen wie an den Wassern Babylons[207].

Die Dichter verbrachten oft einen großen Teil ihres Tages im Café, es wurde zum Umschlagplatz von Informationen, Gedanken und Klatschgeschichten:

Die Cafés hatten damals noch eine Funktion, die verloren gegangen ist. Sie waren die Wechselstuben der Gedanken und Pläne, des geistigen Austauschs, die Produktenbörse der Dichtung, des künstlerischen Ruhms und auch des Untergangs...[208],

es wurde Teil ihres Lebens.

Von Gedankenaustausch ist in der Lyrik, mit der sich dieses Kapitel befaßt allerdings nicht die Rede.

Denn die in dieser Arbeit getroffene Auswahl und Einteilung der expressionistischen Berlin-Lyrik führt in diesem Kapitel zu einer etwas einseitigen Darstellung: sechs von sieben Gedichten stammen von Gottfried Benn. Damit können hier keine allgemeinen Schlüsse von der Lyrik auf das Verhältnis der Expressionisten zu den Vergnügungsstätten in Berlin gemacht werden. Vielmehr bietet sich dieses thematische Übergewicht eines Autors an, näher auf die Art und Weise der Stellungnahme eines einzelnen Lyrikers zu einem Motiv einzugehen. Das ist bei Benn nicht das Café als Ort intellektueller Konversationen, sondern beherrschender Gegenstand bei Gottfried Benn ist das Café als Vergnügungsstätte.

Doch das Vergnügen, bestehend aus Tanz und Musik, Essen und Trinken, Frauen und Sexualität, ist nur schale Belustigung: die Frauen sind käuflich, Sexualität ist immer mit etwas Krankhaftem und zum Teil auch Schmutzigem verbunden, Essen ist kein Genuß und Tanz ist wie die Frauen - ordinär:

G. Grosz: Walzertraum 1921   Ida paßt ihre Formen der Musik an.

   Buchtet sich ein und aus.

   Wirft sich aus ganz ebenen Stellen auf:

   „Mensch, Ida, du hast woll een Gelenk zu ville[.]“

   („Nachtcafé 2“, 1913, V. 7-10).

Das Körperliche drängt bei Benn in den Vordergrund, und prägt das zwischenmenschliche Geschehen im Café. So werden Frauen auf ihre Funktion als sexuelles Lustobjekt reduziert:

   Besambar sitzt an jedem Tisch mit Federn

   am Hut und stellt das Bein, saugt die Hüften

   Samenschwers immer heißer in den Schoß[.]

   („Nachtcafé 3“, 1914, V 7-9).

G. Grosz: Schönheit... 1919Die in den Café-Gedichten thematisierten Geschlechterbeziehungen bestehen nur noch aus dem Verlangen nach körperlicher Befriedigung. Zuneigung oder gar Liebe scheint nicht zu existieren:

   Ein Mann tritt mit einem Mädchen in Verhandlung:

   Deine Stimme, Augenausdruck, Ohrläppchen

   sind mir ganz piepe.

   Ich will dir in die Schultern stoßen.

   Ich will mich über dir ausbreiten.

   Ich will ein ausgeschlenkertes Meer sein, du Affe! -

   („Café des Westens“, 1913).

In Anbetracht der physischen Hinfälligkeit und Nichtigkeit des Menschen kann die sexuelle Vereinigung nur abstoßend und ekelerregend sein.

Auch die in dem Gedicht „Nachtcafé“ (1912) beschriebenen Menschen sind reduziert auf ihre körperlichen Attribute: das sind „grüne Zähne“, „Pickel“ (V 5), „Lidrandentzündung“ (V 6), fettiges Haar und „Rachenmandel“ (V 7 u. 8), „Kropf“, „Sattelnase“ (V 10), „Bartflechte“ (V 12) und „Doppelkinn“ (V 13). Die Verwendung des Stilmittels Synekdoche[209] hat Benn auf die Spitze getrieben. Die hässlichen Details stehen nicht nur für oberflächlich physische Merkmale, sondern bezeichnen jeweils eine ganze Persönlichkeit als körperlich und moralisch deformiert. Diese bilden ein ekelerregendes und abstoßendes Bild der nächtlichen Caféhausbesucher.

G. Grosz: Café 1917 G. Grosz: Gesellschaft 1917 G. Grosz: Kaffeehaus 1917

 

Mit dieser Art von verzweifeltem Zynismus weist Benn in seinem Gedicht „Nachtcafé“, aber auch in vielen weiteren seiner lyrischen Werke auf die Vergänglichkeit des Menschen hin. Sein Beruf als praktizierender Arzt wird zu dieser Einstellung beigetragen haben, darauf lassen neben der synekdochischen Reduktion des Menschen auf seine körperlichen Gebrechen zumindest die häufig gebrauchten medizinischen Ausdrücke schließen. Mit oft brutalen Formulierungen negiert der Dichter die jüdisch-christliche Vorstellung der menschlichen Schöpfung nach Gottes Vorbild, aber er weist ebenso die Darwinsche Theorie der steten Höherentwicklung der Arten zurück[210]:

   Fett im Haar

   spricht zu offenem Mund mit Rachenmandel

   Glaube Liebe Hoffnung um den Hals[.]

   („Nachtcafé“, V 7-9).

Trotz dieser dominierender Körperlichkeit ist noch ein Hauch von Bewußtsein im lyrischen Ich verblieben:

   Es ist nur eine süße Verwölbung der Luft

   gegen mein Gehirn[.]

   („Nachtcafé“, V 22 u. 23).

Bei Benn paart sich die brutale Reduzierung der Körperlichkeit mit einem vom Bewußtsein erwünschten Zustand nach Auflösung des Denkens, nach Verströmen und nach Untergang[211]:

   Ein Provinziale ertrinkt in einer Minettschnauze.

   Nimm mich hin. Ich will versinken.

   Laß mich sterben. Gebäre mich[.]

   („Nachtcafé 2“, 1913).

Es handelt sich um Regression,

d.h. um einen Rückfall der seelischen Entwicklung auf frühere Zustände des Affektlebens, bei denen das Bewußtsein ausgeschaltet ist[212].

Diese Auflösungslust äußert sich bei vielen Künstlern in dem Konsum von Drogen. Zu ihnen gehört auch Gottfried Benn. Drogenrausch und die von der Großstadt bedrohte Existenz des Individuums können deshalb als bedingt zusammenhängend gesehen werden[213]:

G. Grosz: ...Tauentzienstrasse 1921   Kocain

   Den Ich-zerfall, den süßen, tiefersehnten,

   Den gibst Du mir: schon ist die Kehle rauh,

   Schon ist der fremde Klang an unerwähnten

   Gebilden meines Ichs am Unterbau.

   Zersprengtes Ich - o aufgetrunkene Schwäre -

   Verwehte Fieber - süß zerborstene Wehr -:

   Verströme, o verströme Du – gebäre

   Blutbäuchig das Entformte her[.)

   (Gottfried Benn: „Kocain“, 1917, Strophe 1 u. 4).

Der Wunsch nach Regression war die Reaktion auf die als dekadent und erstarrt empfundene wilhelminische Gesellschaft. Als Phänomen tritt sie um 1910 zahlreich auf. Auch die von vielen Künstlern erfahrene Ich-Dissoziation hat hier ihren Ursprung.

Benns Gedichte sind somit als Bestätigung einer Zeit- und Gesellschaftsdiagnose zu sehen, deren Auswirkungen im Ersten Weltkrieg münden[214].

Das Geschehen im Café ist in „Café des Westens“ dargestellt als Fiktion eines aufgeschnappten Dialogs und in „Café“ als Dialogfetzen, die mit stichwortartigen Gedanken ergänzt sind:

   „Laß dir mal von Hedwig das erzählen“

   Reise-Hedwig! Aufbau, Sitte, Stand-

   („Café“, V 5 u. 6).

Der Syntaxzerfall macht auf die Situation des Mithörers im Café aufmerksam, der das bunte und laute Treiben als bruchteilhafte Gesprächsstücke und Gedankenassoziationen darstellt.

In Benns Gedicht „Englisches Café“ (1913) verweist nur der Titel darauf, dass von einem Vergnügungslokal die Rede ist. So wie er hier einen sehnsuchtsvollen Bewußtseinszustand des lyrischen Ichs als eine schwärmerische Situation im Café ausgibt, evoziert Benn auch mit den anderen Café-Gedichten eine großstädtische Welt, ohne den Ausdruck  „Stadt“ zu benutzen. Die Stadt wird zum Motiv seiner Gedichte, ohne dass sie selbst dabei genannt wird. Christoph Perels bezeichnet Benn deshalb als „ein Meister des stellvertretend für das Ganze gesetzten Details“[215]. Die Großstadt steht dabei stellvertretend für die technisch-zivilisierte Welt, die nach Benns Auffassung kein Jenseits kennt[216].

Café "Größenwahn" um 1905

 

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