Analyse: Dichter über Dichter

 

Die große Anzahl literarischer Zirkel und Zeitschriften in Berlin sicherte den Literaten nicht nur die Publikation ihrer Werke, sondern sorgte bei den zahlreichen expressionistischen Dichtern auch für eine Wahrnehmung dessen, was ihre Kollegen produzieren und veröffentlichen. Der Konkurrenzkampf schlug sich künstlerisch vielfach als Produktion ironischer Gedichte nieder, in denen Kritik an anderen Dichtern und Verlegern, zum Teil aber auch an der eigenen Person geübt wurde. Beispiele solcher Lyrik haben in dieser Arbeit bereits Erwähnung gefunden[239].

In diese Kategorie fallen auch die folgenden vier Gedichte:

Meck, meck, meck“ (1911) von Ernst Blass stellt nicht nur ein Zitat aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ dar, sondern lehnt sich auch dem Stil nach an Buschs Werk an. Die alternierenden, vierhebigen trochäischen Verse, die im Paarreim männlich und weiblich enden, werden auch als Knittelverse bezeichnet. Nach ihrem Hauptgebrauch in der frühneuzeitlichen Lyrik und ihrer Wiederentdeckung durch die Romantik wurden sie später vor allem satirisch und ironisch eingesetzt, wofür Wilhelm Busch’s Bildgeschichten exemplarisch sind[240]. Diese beliebte Gedichtform eignet sich hervorragend zum Vortragen. Ernst Blass hat sie in „Meck, meck, meck“ zu einer humorvollen und satirisch bissigen Kritik am Literaturbetrieb genutzt, indem er beschreibt, wie man (in diesem Falle ein Schneider namens Wittstock) auch ohne viel Talent:

M. Beckmann: Die Ideologen 1919   Unter ihnen laut man pries

   Einen, welcher Wittstock hieß.

   Dieser schrieb so manch Gedicht.

   (Das Wort „Metrik“ kannt er nicht[.])

   (V 5-8),

nur mit guten Beziehungen zu literarischem Erfolg gelangt.

   Bis ihn endlich an das Gängel-

   Band nahm Redakteur F. Engel.

   (Welcher, wenn er protegiert,

   Nicht ganz unbedenklich wierd[.])

   (V 13-16).

In derselben Art und Weise funktioniert das Gedicht „A. R. Meyer-Abend“, das ebenfalls von Ernst Blass stammt und ironisch die Dichter des Literaturabends bei Herrn Meyer[241] auf’s Korn nimmt:

   Dies war Lautensack. Hiernach

   Richard Alfred Meyer sprach.

   Die mäandrische Verkrümmung

   Freier Verse wirkte Stimmung.

   Seine „Semilasso“ – Dichtung

   Paßt nicht sehr in meine Richtung.

   Eine klein Bohèmegeschicht

   Folgte und gefiel mir nicht.

   Denn Erotik, A.R. Meyer,

   Ist nicht Dichtung, - A.R. Meyer!

   Und bei dieser Dichtkunst Mängeln

   Wuchs der Wunsch, sich rauszuschlängeln[.]

   (2. Gedichtabschnitt, V 13-24).

Ebenso kritisiert Jakob van Hoddis in „Am Abend“ (1911) das Schaffen seiner Kollegen, das er in seinem Gedicht als lächerlich übertrieben dargestellten Denkprozesses eines Subjektes beschreibt, welches sich im Konflikt eines Erlebnisses und dessen lyrischer Darstellung befindet:

   Dachte, dachte; es war wichtig,

   Denn er gab sich das Gebot:

   „Löse jene Frage richtig

   Oder mach dich, bitte, tot.“

   In der Bülowstraße war es.

   Ja, es war ein Abenteuer,

   Heldisch war und voll Gefahr es.

   Ward er dümmer? Ward er schläuer?

   (V 5-12).

Diese Kritik an seinen Dichterkollegen, welche in dem Gedichtsubjekt stets ein aktiv beteiligtes anstelle eines passiven sehen, äußert er auch in seinem Gedicht „He!“, einer Parodie auf Ernst Blass’ „Abendstimmung“[242].

Der Pudel mit der Löwenschur“ (1916) von Oskar Loerke stellt ebenfalls eine kritische Auseinandersetzung mit einem anderen Menschen dar, doch ist die Zielperson hier nicht so offensichtlich wie in den vorangegangenen drei Gedichten. Allegorisch als Tiergeschichte verpackt, steht der „Pudel“ für eine nicht genau benannte Person[243], die eher einem Philosophen als einem Dichter gleichkommt. Die beschriebene Fahrt auf dem Tiergartenkanal hinterfragt sehr ironisch den dargestellten philosophischen Denkansatz. Die Ironie besteht dabei vor allem aus der Gegenüberstellung von Banalitäten der Umgebung und den philosophischen Diskursen des Pudels:

   Zum wandernden Ufer am Kanal

   Und der hüpfenden Rattenplage, -

   Dann sucht er nicht mehr: am Wimpelschal

   Weht die metaphysische Lage[.]

   (V 13-16).

Mit der Form der „pervertierten Allegorese“[244] übt Oskar Loerke Kritik an der Kultur- und Kunstrezeption der bürgerlichen Welt.

Die genannten Gedichte stammen bis auf „Der Pudel mit der Löwenschur“ aus dem frühexpressionistischen Kreis um das ‚Neopathetische Kabarett’. Der auf die Publikumswirksamkeit konzipierte Stil wirkt frech, locker und durch seinen Wiedererkennungswert vertraut. Zusammen mit den in anderen Kapiteln dieser Arbeit behandelten kritischen Gedichten[245], die im Gegensatz zu den hier aufgeführten ein eindeutiger expressionistischer Stil kennzeichnet, machen sie einen wichtigen Bestandteil für das Verständnis der Gesamtheit expressionistischer Lyrik aus. Denn vor allem in der älteren Expressionismusforschung wurde der literarische Expressionismus auf die „O-Mensch“-Dichtung des so genannten „messianischen“ Expressionismus reduziert. Zu dieser beschränkten Sicht beigetragen hat die bekannteste Anthologie expressionistischer Lyrik, die ‚Menschheitsdämmerung’ von Kurt Pinthus[246], in welcher Gedichte, die über einen spielerischen Unernst verfügen und kritisch ironisch angelegt sind, völlig fehlen.

Die letzten beiden Gedichte dieses Kapitels „Wir Gespenster“ (1914, Ferdinand Hardekopf) und „Am Lietzensee“ (1911, Jakob van Hoddis) unterscheiden sich von Stil und Aussage her komplett von den vier oben besprochenen.

G. Grosz: Leichenbegräbnis... 1918Mit der Bezeichnung „Wir Gespenster“, ist die Generation der expressionistischen Dichter gemeint. Als „wir“ solidarisiert sich das lyrische Ich mit seinen Weggenossen, die sich von der Wilhelminischen Gesellschaft abgrenzen, da diese in ihren Strukturen und Formen veraltet, und seit Nietzsches Nihilismusanalyse[247] für sie unglaubwürdig geworden ist. In Form von Gespenstern sind sie nicht tot und nicht lebendig, denn durch den Verlust aller ideellen Werte kommt es bei den Nachwuchslyrikern auch zu einem Verlust ihrer Orientierung:

   Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben:

   Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben.

   Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen,

   In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen[.]

   (V 13-16).

Das spielerische der Kritik wie sie in den ersten vier Gedichten besteht, ist ersetzt durch eine düstere Stimmung, die sich in Resignation ausdrückt.

In diesem Gedicht macht Hardekopf auf das Selbstverständnis einer Generation aufmerksam, die einerseits versucht, ihren in der Großstadt verlorenen Lebenssinn durch Kino- und Caféhaus-Besuche wiederzufinden und andererseits bemüht ist, genau diesen Lebenssinn wieder zu verdrängen.

Über einen ganz bestimmten Dichter äußert sich Jakob van Hoddis in seinem Gedicht „Am Lietzensee“ (1911), indem er es seinem „Freund Georg Heym“ widmet.

Dieses sehr persönliche Gedicht handelt von einer Versöhnung zweier Freunde nach einem Streit. Der Schauplatz des Geschehens ist der Lietzensee in Charlottenburg mit dem atmosphärischen Hintergrund der Stadt. Es ist als autobiographisches Dokument einzustufen, welches die schwierige Freundschaft der beiden Dichter zum Thema hat[248].

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