Gedichte: Auf der Straße

 

Autofahrt (E. Blass)

Berlin 2 (G. Heym)

Ende... (E. Blass)

Auf der Terrasse des Café Josty (P.Boldt)

Der Potsdamer Platz (R. Schickele)

Berlin (P. Boldt)

Sonntagnachmittag (A. Lichtenstein)

Das Warenhaus (A. T. Wegner)

L. Meidner: Die Straße 1913/18 

 

Berliner Abend (P. Boldt)

Blauer Abend in Berlin (O. Loerke)

Sonnenuntergang in der Friedrichstraße (R. Schickele)

Berlin 1 (G. Heym)

Droschkenpferde (P. Zech)

Ankunft in Berlin (M. Herrmann-Neisse)

Hedwig Warmbier, Blumenfrau auf dem Potsdamer Platz (I. Goll)

Berlin 5 (G. Heym)

 

 

 

 

 

 

 

 

Autofahrt

...rast weiter über menschenlosen Platz,

Gelb, keuchend, zwischen Träumen und Erwachen,

Rings Nebel, die Gebüsche blinder machen,

Das Auto dreht... in einem Satz.

 

Ich liege nur, mein Herz ward ausgerenkt,

Bin ich hier nicht am Brandenburger Tor?

Rechts steigt der Himmel dunstig schief empor,

Wo klein der Mond, ein weißer Tropfen, hängt.

 

(Ernst Blass, 1911)

 

 

 

 

 

 

Berlin 2

Der hohe Straßenrand, auf dem wir lagen,

War weiß von Staub. Wir sahen in der Enge

Unzählig: Menschenströme und Gedränge,

Und sahn die Weltstadt fern im Abend ragen.

 

Die vollen Kremser fuhren durch die Menge,

Papierne Fähnchen waren drangeschlagen.

Die Omnibusse, voll Verdeck und Wagen.

Automobile, Rauch und Hupenklänge.

 

Dem Riesensteinmeer zu. Doch westlich sahn

Wir an der langen Straße Baum an Baum,

Der blätterlosen Kronen Filigran.

 

Der Sonnenball hing groß am Himmelssaum.

Und rote Strahlen schoß des Abends Bahn.

Auf allen Köpfen lag des Lichtes Traum.

 

(Georg Heym, 1910)

 

 

 

 

 

 

Ende...

Glashaft und stier werde ich fortgetragen

Von Schritten, die im Takt nach vorne fliehn.

Und immer wieder steinern dampft Berlin,

Wo Wagen klingelnd durch den Abend jagen.

 

Schaufensterhelle. Menschen schwarz wie Rauch

In gelbem Schein, von dem die Straße trieft.

Und alles zieht sich hin, ein fester Brauch.

Verleger kommen, schmatzend und vertieft,

 

Und Mädchen tun, als sein sie ewig hier,

Und immer läutet fort die Straßenbahn...

Was will denn diese ganze Qual von mir?

Ich habe keinem Menschen was getan.

 

Von Bogenlämpchen bläulich- weißer Schimmer.

Dünnkaltes Fieber. Wildnis, die gefriert.

In einem Riesenhalbkreis sitzend immer

Sind Lesbierinnen, groß und marmoriert.

 

(Ernst Blass, 1912)

 

 

 

 

 

 

Auf der Terrasse des Café Josty

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll

Vergletschert alle hallenden Lawinen

Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,

Automobile und den Menschenmüll.

 

Die Menschen rinnen über den Asphalt,

Ameisenemsig wie Eidechsen flink.

Stirne und Hände, von Gedanken blink,

Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

 

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,

Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen

Und lila Quallen liegen - - bunte Öle;

 

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen.- -

Auf spritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,

Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.

 

(Paul Boldt, 1912)

 

 

 

 

 

 

Der Potsdamer Platz

Ich geh' eine ganz vergoldete Straße entlang,

Der Himmel zerfließt im Sonnenuntergang.

 

Da kommen Frauen, märchenschön,

und bleiben vor glitzernden Läden stehn.

 

In Blüten schwimmt der Potsdamer Platz,

er träumt vom Mond, dem Götterschatz.

 

(René Schickele, 1910)

 

 

 

 

 

 

Berlin

Die Stimmen der Autos wie Jägersignale

Die Täler der Straßen bewaldend ziehn.

Schüsse von Licht .Mit einem Male

Brennen die Himmel auf Berlin.

 

Die Spree, ein Antlitz wie der Tag,

Das glänzend meerwärts späht nach Rettern,

Behält der wilden Stadt Geschmack,

Auf der die Züge krächzend klettern.

 

Die blaue Nacht fließt in den Forst.

Sie fühlt, geblendet, daß du lebst.

Schnellzüge steigen aus dem Horst!

Der weiße Abend, den du webst,

 

Fühlt, blüht, verblättert in das All.

Ein Menschenhände-Fangen treibst du

Um den verklungnen Erdenball

Wie hartes Licht; und also bleibst du.

 

Wer weiß, in welche Welten dein

Erstarktes Sternenauge schien,

Stahlmasterblühte Stadt aus Stein,

Der Erde weiße Blume, Berlin.

 

(Paul Boldt, 1914)

 

 

 

 

 

 

Sonntagnachmittag

Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel,

Um deren Buckel graue Sonne hellt.

Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel

Wirft wüste Augen in die große Welt.

 

In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen.

Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich.

Am Himmel fährt ein Zug, wo wind'ge Wiesen liegen;

Malt langsam einen langen dicken Strich.

 

Wie Schreibmaschinen klappen Droschkenhufe.

Und lärmend kommt ein staub'ger Turnverein.

Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe.

Doch feine Glocken dringen auf sie ein.

 

In Rummelplätzen, wo Athleten ringen,

Wird alles dunkler schon und ungenau.

Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen.

Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau.

 

(Alfred Lichtenstein, 1912)

 

 

 

 

 

 

Das Warenhaus

Mit seine Kuppeln, Toren und eisernen Bogen,

Die Pfeiler zu granitenen Fichten gereiht,

Mit seinen aufgerissenen Augen, die breit

Die Straße mit Licht überschütten, dem gewundenen Lauf

Seiner Treppen, funkelnd von Gold und Glanz überflogen:

Hebt sich das Haus bis weit in den Himmel hinauf.

 

Die niederen Dächer an seine Seiten geduckt,

Schwindsüchtige Wände, auf die es die plumpe Schulter zuckt,

Zwischen berstende Mauern, über die kalt

Sein Schatten und seine Flamme fällt,

Hat es den Fuß mit Donner- Gewalt

In der Straßen keuchende Lunge gestellt.

 

Doch unter dem Glanze der steinernen Bäume,

Die sich rauschend bis unter die Dächer verzweigen,

Verstrickt in das Dickicht der endlosen Räume,

Wachsend die Ströme der Menschen steigen.

Durch kreisende Schleusen gezogen

Schluckt seinen Atem das gewaltige Haus,

Menschen auf Menschen- Wogen,

Und speit sie zurück, auf die Straße hinaus.

 

In den gläsernen Schächten die fliegenden Stühle

Heben sich jäh empor aus dem schwarzen Gewühle.

Steigen und gleiten an zitternder Schnur,

Schwankend im Lichte

Wie die goldnen Gewichte

An einer rastlos laufenden Uhr.

 

Und über der Diele, die breit und gebogen

Sich dunkel ebnet in Schluchten, von Pfeillern zerrissen,

Zwischen Wänden, die ihre eigene Ferne nicht wissen,

Von kalten Sonnen lieblos belogen -

Erhebt sich strahlend der Wald der Dinge.

 

Die Dinge, die lichtheller Morgen umtagt,

Die nackt sich brüsten, schillernd und seiden,

Die die Wünsche der Menschen betasten, entkleiden,

Von dem lüsternen Schwarm ihrer Blicke benagt.

Die Dinge, die wie Lebendige glühen,

Wandelnd und in einer Sänfte von Glas,

Die dunkel und ohne Maß

Sich in endloser Straße ziehen.

Durch die die Menschen vorrübertreiben, ein Wind.

Gewänder, die wie Erhängte sind,

Kopflose Kleider, die Gebete stammeln,

Die Tische von Ungebornen beklebt,

Und Stühle, die sich zu Völkern versammeln,

Und die Betten weiß und von Seide gewebt,

In denen tausend begehrliche Wünsche schlafen,

Doch kein Lebendiger lebt.

 

Von den ewigen Fernen der Erde trafen

Die Dinge in dieses Haus dunkel zerwühltem Hafen

Wie Schiffe auf weiter Reise zusammen.

Die über die Flüsse Ägyptens schwammen,

Persische Teppiche, japanische Seide,

Irische Pelze, peruaner Geschmeide,

Die über die weglosen Meere kamen,

Der fremden Lande dunkles Gerät:

Sie alle sind, ein unfruchtbarer Samen,

Über die schwellende Diele des Hauses gesät.

Die Dinge zu Städten gebaut und Gassen,

Um deren Besitz sie morden und stehlen,

Um deren Glück sie einander hassen,

Millionen in Arbeit, in Wahnsinn sich quälen.

Die Dinge, in Glanz und in Leuchten geschlagen,

Die jung sind und zart zu fühlen. Bald,

In die tausend Stuben der Stadt getragen,

Werden sie alt:

Wenn sie im Dunkel und Elend des Alltags verblühen -

Die Dinge ,

Vor denen die Seelen der Menschen knieen!

 

Und stumm in dem verwunschenen Wald

Bewegt sich lautlos die Schar der Priesterinnen,

Die lächelnd den Götzen der Dinge bedienen,

Der sich im Finstern zeugend vermehrt.

Mit hungernden Brüsten und Liebe beschwert

Bewahren sie opfernd die Schätze im Haus,

Wenn durch der Hände gebleichtes Linnen

Ohne Ende die Wasser der Dinge rinnen,

Und bieten zum Kauf ihre Seele aus...

In den gläsernen Schächten die fliegenden Stühle

Heben sich jäh empor aus dem schwarzen Gewühle,

Steigen und gleiten an zitternder Schnur,

Schwankend im Lichte

Wie die goldnen Gewichte

An einer rastlos laufenden Uhr.

 

Bis das Licht erlischt und die Schatten schwer

Und dumpf in die hohlen Säle fallen;

Da heben im Dunkel die Dinge, entgeistert und leer,

Ihre toten Äste, in die mit gefalteter Schwinge

Die Schatten sich krallen.

Und mit den Augen, die stets voll kaltem Verlangen

Nach den eilenden Menschen der Straße fangen,

Die sich in jähem Entsetzen verdunkeln,

Und noch im Schlaf ohne Ruh

Starr in das nächtliche Leben der Städte funkeln,

Schließt sich das Haus wie das Herz einer Dirne zu.

 

(Armin T. Wegner, 1909)

 

 

 

 

 

 

Berliner Abend

Spukhaftes Wandeln ohne Existenz!

Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeißt sein

Licht auf ihn. Aus Asphalt und Licht wird Elfenbein.

Die Straßen horchen so. Riechen nach Lenz.

 

Autos, eine Herde von Blitzen, schrein

Und suchen einander in den Straßen.

Lichter wie Fahnen, helle Menschenmassen:

Die Stadtbahnzüge ziehen ein.

 

Und sehr weit blitzt Berlin. Schon hat der Ost,

Der weiße Wind, in den Zähnen den Frost,

Sein funkelnd Maul über die Straße gedreht,

Darauf die Nacht, ein stummer Vogel, steht.

 

(Paul Boldt, 1914)

 

 

 

 

 

 

Blauer Abend in Berlin

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;

Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen

Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.

Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

 

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen

Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.

Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,

Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

 

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.

Wie eines Wassers Bodensatz und Tand

Regt sie des Wassers Wille und Verstand

 

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.

Die Menschen sind wie grober bunter Sand

Im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

(Oskar Loerke, 1911)

 

 

 

 

 

 

Sonnenuntergang in der Friedrichstraße

An der Ecke steht ein Mann

mit verklärtem Gesicht.

Du stößt ihn an,

er merkt es nicht.

 

Starrt empor mit blassem Blick,

schlaff die Arme herunter.

Tiefer gestaltet sich sein Geschick

und der Himmel bunter.

 

(René Schickele, 1910)

 

 

 

 

 

 

Berlin 1

Beteerte Fässer rollten von den Schwellen

Der dunklen Speicher auf die hohen Kähne,

Die Schlepper zogen an. Des Rauches Mähne

Hing rußig nieder auf die öligen Wellen.

 

Zwei Dampfer kamen mit Musikkapellen.

Den Schornstein kippten sie am Brückenbogen.

Rauch, Ruß, Gestank lag auf den schmutzigen Wogen

Der Gerbereien mit den braunen Fellen.

 

In allen Brücken, drunter uns die Zille

Hindurchgebracht, ertönten die Signale

Gleich wie in Trommeln wachsend in der Stille.

 

Wir ließen los und trieben im Kanale

An Gärten langsam hin. In dem Idylle

Sahn wir der Riesenschlote Nachtfanale.

 

(Georg Heym, 1910)

 

 

 

 

 

 

 

Droschkenpferde

Diese Gattung ist schon lange tot.

Was du öfter an den Ecken halten siehst,

sind nur Schatten um ein Häuflein Kot

und ein Hut, der manchmal Zeitung liest.

 

Abends aber glüht Verwesung phosphorweiß

aus den Schädeln, beinern, ohne Haar.

Und die Beine hüpfen so im Kreis

mit den Wölfen durch die Steppe Gasduschar.

 

Hörst du, wie es aus den Nüstern grollt

und die nackten Schenkel an die Flanken haun?

Morgenhimmel glühen rot und gold

und das Meer trieft von den Fellen bernsteinbraun.

 

Wenn du nicht romantisch bist und Kind,

wirst du abgestoßen von dem Nachtgeschehn,

siehst nur Pferde, wie sie erdhaft sind

und verdrossen vor den Droschken gehn.

 

(Paul Zech, 1921)

 

 

 

 

 

 

Ankunft in Berlin

Warum ist kein Luftschiff über uns gezogen,

als wir mit hoffnungsvoller Kurve in die Wunder

         der großen Flamme flogen?

 

Denn in unsern letzten Kleinstadtträumen von dir, Berlin,

war Propellergeprassel, Winken aus Wolken, Brunst

         von Benzin!

 

War Unerhöhrtes, das uns mit irgendeiner Raserei überfiel,

waren Seiltänzer auf Trambahndrähten, war ein Automobil,

 

das mit uns wie ein feuriger Engel über glühende

         Glätte stürmte,

durch lauter Reifen von Wind, der Leuchten auf

         Leuchten türmte!

 

Aber dann hockten wir plötzlich hinter einem

         verpfuschten Pferde,

von weißen Lampen lief nackt eine frierende Herde

 

gerupfter Strauße, die vor unserem Kommen wie

         vor einem Unglück floh -

und nur ein Blick von dir, beflügelt, tanzend, machte

         mich auf Kampf und Mühsal froh.

 

(Max Herrmann-Neisse, 1914)

 

 

 

 

 

 

Hedwig Warmbier, Blumenfrau auf dem Potsdamer Platz

Wie schwer wird deinem Arm das Glück Italiens

Und die Last der Gärten!

Viel Taunächte und Rosenabende,

Gitarren, Hundegebell, Windschmeichelei,

Wie schwer das ganze Glück des Frühlings!

 

Aber laß dich vom Gebrüll umtaumeln,

Pferde zerwiehern dein Gebet,

Autobusse flattern

Über dich hin. -  -

 

Höher halte die Anemonenflamme!

Höher deine Asphodelen!

(Zwei Knaben stehlen

Dir ein Krokusbund)

Höher wie eine Heilige

Hebe die Blumen in die graue Stadt.

 

(Iwan Goll, 1919)

 

 

 

 

 

 

Berlin 5

Der Regen rauscht in einer weißen Wand.

Die Wolken fliehn, als ob sie Sturm zerbliese.

Das Regenwasser läuft am Straßenrand

Und auf dem Asphalt hin in heller Brise.

 

Die Straßenbäume schwanken an den glatten

Pfählen, und zeigen weiß den Blättergrund.

Wie eine schwarze Schar von großen Ratten,

So stehn die Schirme vor des Bahnhofs Mund.

 

(Georg Heym, 1910)